Soziales Feudalbook

Daumen hoch für die Monarchie! Diese Woche wurde bekannt, dass Facebook dem seit 100 Jahren darniederliegenen Adelswesen neuen Atem einhaucht: Der Internetgigant führt den Social Graph ein. Nutzer sollten sich nicht verwirren lassen – weder durch die komische Schreibweise des Titels Graf noch durch die Kombination eines Adligen mit dem Attribut sozial.

Tatsächlich verfügt der Lehensherr über die Suchfunktion, die jene Querverbindungen ermöglicht, die die NSA bislang vergeblich gefordert hatte: Wer beispielsweise Al-Kaida geadded hat, auf Fotos vor einem Waisenhaus (Afghanistan) und dem Weißen Haus (USA) markiert wurde und als Statusmeldung gepostet „Obama ist eine Granate, echt bombig“, der bekommt schneller Besuch von den Agenten des Grafen Sozial, als Marc Zuckerberg „Privatsphäre“ buchstabieren kann (fehlerfrei). Davon kann Facebook-Nutzer Edward Sn. ein Lied singen, der erst nach mehrwöchiger Flucht Asyl in Neuland erhalten hat nachdem er den Status gepostet hatte „Geheimdienste spionieren“.

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Doch auch auf den ersten Blick unverfängliche Postings können den Unmut des Grafen erregen, warnt das Bundesamt für Unsicherheit in der Desinformationstechnik: Wer regelmäßig Urlaubsbilder und mehr als einmal die Woche Fotos seines Essens hochlädt, gilt als arbeitsscheu und genusssüchtig und wird in die Leibeigenschaft geknechtet (Facebook Home-App). Wer gar nichts postet, gilt als arbeitsscheu und verstockt und wird zu Fron- und Spanndiensten gezwungen (virales Marketing). Wer Fotos von gequälten Tieren verbreitet, gilt als abgebrüht und muss – einmal den Fängen von Graf Sozial gelandet – bei armen Seiten-Bauern den Zehnten eintreiben (Facebook-Werbekonto). Und das schon an jedem Ersten des Monats! Wer Meldungen von anderen kommentiert, gilt als Aufrührer und Gotteslästerer wird aufgehängt (am Browser, mindestens eine Minute pro Seite).

Bis es zu einem Aufstand („Shitstorm“) kommt, ist daher nur eine Frage der (Lade-)Zeit. Ob es gelingt, den Grafen Sozial und seine Schergen zu bezwingen, wird dagegen wieder einmal von der Unstützung durch höhere Mächte abhängen. Währen iGod Steve Jobs beharrlich schweigt, äußert Internet-Luther Jeff Jarvis zaghaft Sympathie für die Sache der Unterdrückten. Dem Grafen könnte also sein soziales Grinsen bald vergehen.

Von Daniel Völpel