Massenmord macht frei

Eine Woche, nachdem einige Greise als ehemalige SS-Wachmänner in Haft gekommen waren, ist ein 88-Jähriger schon wieder frei – weil er unter Jugendstrafrecht fällt. Ein 91-Jähriger ist so dement, dass er gar nicht mehr weiß, weshalb er Juden ins Gas geschickt hat. Er muss deshalb ebensowenig mit einer Verurteilung rechnen, wie der 94-jährige Hans Lipschis aus demselben Grund. Nur 65 Jahre hat die Justiz gebraucht, um die Nazi-Verbrecher zu ermitteln. Umso größer das Erstaunen, dass diese sich nun erfolgreich scheintot stellen (oder es bereits sind), und deshalb davon kommen.

Weil sie die SS-Leute nicht mehr anklagen kann, widmet sich die Staatsanwaltschaft nun erfolgversprechenderen Ermittlungen: Als erstes soll den Kieler Matrosen des Aufstands von 1918 der Prozess wegen Meuterei gemacht werden. Auch die Ermittlungen zum Tode Barbarossas stehen kurz vor dem Abschluss. Demnach könnte ein Diener wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt werden, weil er die Strömung des Saleph falsch eingeschätzt hatte, in dem der König 1190 ertrank. Auch in einem weiteren Fall kommt Bewegung: So soll nach neuen Hinweisen der Mord an Arminius („Hermann der Cherusker“) im Jahr 21 n. Chr. neu untersucht werden. Gegen drei Verwandte des Fürsten wurde Haftbefehl beantragt.

Von Daniel Völpel