Literarisch verwurstet

Dass der Literatur-Nobelpreis 2018 wegen sexueller Belästigung und Korruption ausfalle, dachte man bislang. Doch nun ist die wahre Ursache bekannt: Er ist unwichtig geworden! Denn im November 2018 verleiht die Zeitschrift vital ihren großen Gesülze-Preis! Man müsse lediglich die Stichworte vom Abendbrottisch (s. Foto) in einen Zusammenhang bringen, heißt es in der Ausschreibung in der Ausgabe August/September 2018.

Wurstpreis

Wem die viele Salami auf dem Büchertisch aufstößt: Den Preis lobt vital zusammen mit der Westfälischen Fleischwarenfabrik Franz Wiltmann aus Versmold-Peckeloh (Kreis Hinterschinken der Welt) aus. Eine gelungene Kombination für den Literatur- und den Wurstmarkt: Die Zeitschrift „für aktive, selbst- und körperbewusst lebende Frauen, die mitten im Leben stehen“ und die älteste der Vers(!)molder Fleischwarenfabriken mit „breite[m] Erfahrungshorizont im Hinblick auf die Viehschlachtung sowie tradierte[n] Kompetenzen in Bezug auf die Verfertigung von Schinken-, Speck- und Wurstwaren“.

Da heißt es für die Leserinnen Tastatur spitzen, in die Griffel greifen und der Zungenwurst freien Lauf lassen! Denn es winkt ein Preis, gegen die die acht Millionen Kronen aus Stockholm wie ein abgehangener Presssack wirken: der fleischfarbene Wurstpokal im eigenen Darm!

Also Ihr Nürnberger, Frankfurter und Wiener – macht mit! Beziehungsweise -Innen. Der Wettbewerb richtet sich selbstredend vor allem an Metzgerei-Fachverfasserinnen, denn „VITAL (Eigenschreibweise variiert) präsentiert ihren Leserinnen alles, um Körper und Geist in Balance zu halten, sich rundherum wohl zu fühlen.“ Darauf einen Löffel Griebenschmalz!

Wer jetzt meint, er können einen Riesenschinken einschicken, sei gewarnt: Das Limit liegt bei sechs DIN A4 Seiten, es darf nur ein bisschen mehr sein! Gut machen sich Titel wie „Fleisch ist meine Wurst“, „An der Theke nichts Neues“ oder „Das neue Wurstament“. Wenn man seiner Wurstgeschichte zwei Enden verpasst, verdoppelt das die Gewinnchancen. Und wer bis zum 31. August einen bunt verfassten Aufschnitt gespickt mit fetten Reimen einschickt, hat den Wurstpokal fast schon so sicher wie den Fettrand am Bauchspeck.

Begutachtet werden die Einsendungen von einer Jury, die jene der Schwedische Akademie blass aussehen lässt, bestehend aus exakt zwei Jurorinnen: der vital-Chefredakteurin Carolin Streck, sowie „der Literaturwissenschaftlerin Dr. Inga Ingold“, wie es in der Ausschreibung heißt. Die gab 2012 das pralle Sittengemälde „Von der Kunst des Wurstens“ heraus und zeichnet verantwortlich für die Reihe „Willi Wiltmann“, illustrierte Geschichten „der tradierten Handwerkskunst des Fleischergewerbes und seiner bäuerlichen Wurzeln“. Wem nun der Name Wiltmann irgendwie bekannt vorkommt: Ingold ist nebenbei  Mehrheitsgesellschafterin eines Peckeloher Rohwurstspezialisten, der aber auch Koch- und Brühwurstspezialitäten sowie Pasteten- und Schinken-Delikatessen und vor allem naturgereifte Dauerwurstspezialitäten herstellt, heißt es in der Firmenchronik unter dem Titel – wer seinen Presskopf bemüht, ahnt es – „Von der Kunst des Wurstens“. Die mitten im Leben stehende vital-Käuferin (2,95 €) erfährt dies nicht. Nicht einmal aus der Anzeige einige Seiten weiter vorne im Heft, welche die körperbewusst balancierenden Leserinnen über die gesundheitsfördernde Wirkung von Wiltmann-Fleischerzeugnissen informiert.

Sollte man also beim Buchstaben-Schlachtfest leer ausgehen, dann nicht die beleidigte Leberwurst spielen, sondern sich an der tradierten Handwerkskunst der Sieger eine gekochte oder auch eine delikat gebrühte Scheibe abschneiden. Es ist schließlich noch keine Autorenmetzgerin vom Wursthimmel gefallen.

Von Daniel Völpel