Jesus war klüger

30 Grad Celsius und Zehntausende, die Deo für Teufelszeug halten – die Rede ist nicht von Rock am Ring, sondern vom Deutschen Evangelischen Kirchentag, der quasi parallel zu der Mega-Party in Mendig weniger lebensfroh, aber beseelt in Stuttgart stattfindet. Motto: Jedem, wie er’s verdient "damit wir klug werden"

Was 500 Jahre nach der Reformation ein sehr frommer Wunsch sein, wenn nicht sogar bleiben dürfte. Fast schon klug war, sich die Abkürzung DEKT zu geben, die fast genauso viel Strahlung und Sendungsbewusstsein impliziert, wie in den berüchtigten DECT-Telefonen steckt.

In den Bierzelten auf dem Cannstatter Wasen schallt es daher ausnahmsweise mal nicht „Anton, Anton“, sondern „Hosianna“. Es beginnt die Epoche des Anbiedermeier, wenn sich Politiker wie die Pastorentochter Angela Merkel und der Pastor Joachim Gauck sowie allerlei Unternehmer, die ihre christliche Nächstenliebe immer dann entdecken, wenn sie das Werksgelände verlassen haben, unters Bibelvolk mischen, um jenem die Leviten zu lesen.

Man diskutiert essentielle Fragen wie die, ob man die Jungfrauengeburt heute noch als wahr annehmen kann. Die plausibelste Variante, dass die wohl noch keine 20 Jahre alte Maria dem 80-jährigen Josef  im Jahr 1998 vor Viagra Zulassung schlicht einen Bären aufgebunden hat, wird sich – das kann man bereits vor dem Abschlussgottesdienst sagen – auch diesmal nicht durchsetzen. (Nebenbemerkung: Die katholische Kirche würde Maria aus bekannten Gründen sogar am liebsten ins Kindesalter datieren.)

Für Ärger sorgte stattdessen nur eine Gruppe von Stuttgart-21-Gegnern, die den Slogan kreierte „Jesus würde oben bleiben“. Was für Christen eine sehr gewagte Aussage ist. Denn wäre er oben geblieben, am Kreuz, dann gäbe es diese Religion nicht. Angesichts dessen, was dem Nazarener nachgesagt und in seinem Namen veranstaltet wird, würde Jesus stattdessen vor allem eines: im Grab rotieren – wenn er nicht daraus verschwunden wäre. Er wird gewusst haben, warum.

Von Daniel Völpel