Glückliche Schlüsselkinder

Geschätzte 388 Regalmeter Babyratgeber sollen jungen Eltern helfen, die Probleme mit ihren Kindern erfolgreich zu bewältigen. Alte Eltern wissen jedoch, viel wichtiger sind die Tipps für eine andere Phase, nämlich die zwischen 20 Uhr abends und 8 Uhr morgens. Deshalb hier die drei hilfreichsten Ratschläge:

Das Kind quängelt, weil es den Autoschlüssel nicht bekommt:
Erklären Sie, dass dienstags in der Disko ohnehin nichts los ist und bringen Sie Ihr Kind zu Bett. Decken Sie es zu, löschen Sie das Licht und verlassen Sie das Zimmer. Wenn sich das Kind nach fünf Minuten nicht beruhigt hat, kehren Sie zurück. Trösten Sie das Kind, dass man Alkohol auch zu Hause missbrauchen kann. Seien Sie ihm dabei behilflich. Anschließend decken Sie es zu, löschen das Licht und verlassen das Zimmer für fünf Minuten. Wiederholen Sie diese Prozedur so lange, bis einer kotzt.

Das Kind will nicht aufhören zu essen:
Machen Sie vor der Mahlzeit aus, wie viel es gibt. Achten Sie auf eine ausreichend große Portion – ausreichend für etwa zwei Kompanien Infanterie nach einem Orientierungsmarsch. Ist diese Menge erreicht, räumen Sie gegebenenfalls vorhandene Reste weg. Erklärt das Kind, dass es noch hungrig ist, geben Sie ihm ausschließlich Obst oder Gemüse. Bestehen Sie darauf, dass es die durch dessen Wurf an die Wand entstandene Sauerei selbst wegputzt. Öffnen Sie dem Pizzaservice und fangen Sie die Lieferung ab. Achten Sie darauf, dass Ihr Autoschlüssel unter Verschluss bleibt, bis McDonald’s schließt. Verfahren Sie gegebenenfalls nach Punkt eins. Öffnen Sie dem Thaiservice und fangen Sie die Lieferung ab. Erklären Sie Ihrem Kind, dass zugeführte Kalorien auch verbraucht werden müssen und dass dies durch fernsehen und chatten nur in geringem Maße geschieht. Öffnen Sie dem Dönerexpress und fangen Sie die Lieferung ab. Geben Sie dem Kind das ganze Essen, damit endlich Ruhe ist.

Das Kind will morgens nicht aufstehen:
Erklären Sie Ihrem Kind, dass die Erdanziehungskraft überwindbar ist. Weisen Sie darauf hin, dass man sich durch zu langes Verweilen in der Horizontalen wund liegen kann. Locken Sie es mit Essen. Locken Sie mit dem Autoschlüssel. Verwenden Sie keinesfalls einen Kran, Lifta, Rollator oder ähnliche Gerätschaften, um das Kind davon zu überzeugen, dass es sich in aufrechter Position aushalten lässt. Setzen Sie stattdessen auf den natürlichen Drang nach einem menschlichen Bedürfnis. Räumen Sie dazu alle Gefäße aus dem Zimmer. Halten Sie den Zimmerschlüssel bereit. Versehen Sie alle übrigen Sitzgelegenheiten und Liegemöglichkeiten im Haus mit Nagelbrettern. Fragen Sie sich, was Sie da eigentlich tun. Beantworten Sie die Frage mit: Erziehung. Gönnen Sie sich eine große Portion Eis und legen Sie sich erst einmal hin. Sie haben es sich verdient.

Von Daniel Völpel