Equal Brain-Drain

Herzlichen Glückwunsch an alle Leser, die zu wenig verdienen! Sie lesen an dieser Stelle exklusiv die allererste Gratulation zum Equal Pay Day, dem Tag der gleichen Bezahlung, der alljährlich am 21. März mit Papstwahlen, althergebrachten Frühlingsbräuchen und entblößten Möpsen eingeläutet wird.

Zu diesem besonderen Anlass hat das Statistische Bundesamt seine sonstige Arbeit ruhen lassen, nachgerechnet und zählt als „unbereinigte Gender Pay Gap im früheren Bundesgebiet 24%“, auf das kürzlich vergrößerte Deutschland gerechnet 22 Prozent. Könnte heißen, Frauen verdienen im Durchschnitt bei gleicher Arbeit 22 Prozent weniger, heißt es aber nicht.

Auf das Füllwort „unbereinigte“ dürfen viele Leser, Zuschauer und Zuhörer in den nächsten Tagen Gott sei Dank verzichten, weil es in Redaktionen als unrein gilt. Denn es bezeichnet nur die unbedeutende Kleinigkeit, dass beispielsweise eine ungelernte Frau in Teilzeit an der Kik-Kasse weniger verdient als ein diplomierter männlicher Werksleiter in Vollzeit.

Angesichts dieser skandalösen Diskriminierung greift die Wiesbadener Behörde zu ihrem schärfsten Schwert: der Bereinigung der Zahlen von 2010 und deren Bezug zu 2012. Denn wie sagte schon Baron Münchhausen, der Schutzpatron der Statistiker: „Wer nur eine unsinnige Zahl zu verkünden habe, der muss halt ein paar alte wiederverwenden.“ Durch dieses entschieden bereinigende Handeln dieser skrupellosesten Vorkämpfer für die Gleichberechtigung, also der Mathematiker, sinkt der Abstand der Geschlechter mit einem Handstreich von 22 auf sieben Prozent. Das Vorgehen lässt sich für Laien nur mit einer Metapher beschreiben: Die Behörde vergleicht nicht länger Melonen mit Bananen, sondern macht aus zwei Jahre alten Äpfeln frische Birnen.

Zum Glück wird der folgende Satz auch in diesem Jahr keinen Presseartikel und kein Politikerinnen-Statement zum Thema beeinflussen – weil die schaurig schöne Botschaft zählt: „Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass der bereinigte Gender Pay Gap möglicherweise geringer ausgefallen wäre, wenn weitere lohnrelevante Einflussfaktoren für die Analysen zur Verfügung gestanden hätten.“ So steht es zwar irgendwo hinten im Bericht des Amtes. Aber da könnte ja Lieschen Konstantiopolus aus Zypern kommen und zu einem Vergleich der Löhne lohnrelevante Einflussfaktoren heranziehen! Als völlig irrelevante Beispiele, was man keinesfalls mit einrechnen sollte, nennt das Amt individuelle Lohnverhandlungen und Elternzeiten.

Wenn man die Genauigkeit ins Absurde steigern wollte, käme ein kranker Kopf womöglich noch auf die Idee, beim Vergleich der Bruttostundenverdienste die grauen bzw. kahlen Herren Winterkorn (14,4 Millionen Euro 2012), Zetsche (8,15 Millionen Euro), Löscher (7,84 Millionen Euro) et. al. DAX-Kozernchefs (Ø 7,5 Millionen Euro) herauszunehmen. Übrig bliebe nach Abzug dieser (wenigen männlichen) Einkommensmillionäre, was unter Wissenschaftlern als das Phänomen „heiße Luft“ bekannt ist.

Doch es gibt einen Trost für alle Männer, die trotz Gender Gap und Equal Pay Day weniger verdienen als andere Männer: Für sie gibt das Buddhistische Standesamt dieses Jahr erstmals einen neu gestalteten Orden heraus: Sie werden zur unterbezahlten Frau ehrenhalber ernannt – und haben am Equal Pay Day freien Eintritt auf einer Parkbank ihrer Wahl.

Für die Kik-Kassierin gibt es leider keinen Trost, weil die Politikerin, die fordert, in allen DAX-Konzernen eine Frau an die Spitze der Gehaltsliste zu setzen und damit einfach die Gender Pay Gap umzudrehen, irgendwie unauffindbar ist – möglicherweise in Elternzeit oder gerade bei Gehaltsverhandlungen?

Wem das alles nicht Grund genug zum Feiern sein sollte, der sei an den philosophischen Sinnspruch der Weisen von Wiesbaden erinnert: „Statistische Informationen bereitzustellen und zu verbreiten, die objektiv, unabhängig und qualitativ hochwertig sind – das ist unser Auftrag.“ Na dann: herzlichen Glückwunsch!

Von Daniel Völpel