Eingeweihte Leuchtidioten

Weil sich in Finnland zu viele Rentiere in selbstmörderischer Absicht vor Autos werfen, sprühen Züchter den Tieren nun testweise Leuchtfarbe aufs Geweih. Ziel ist es, dass die Eingeweihten ihre Eingeweide eine Weile länger durch Lappland tragen können. Die Farbe hält die Tiere zwar nicht davon ab, auf die Straße zu laufen. Sie soll aber die Autofahrer daran hindern, im Vorndrüberfahren den Sonntagsbraten zu erlegen.

Gut übertragbares Beispiel, könnte man meinen, und fordern, dass zur Verhinderung von Unglücken und Straftaten hierzulande nachts Betrunkene mit Glühwein, Steuerbetrüger mit einem Strahlelächeln, geweihte Häupter mit ewigem Licht und Exhibitionisten mit einem Leuchtkondom unterwegs sein müssen.

Sicherheitshalber sollte man aber das Ende des finnischen Tests abwarten. Bislang blieb nämlich im Dunkeln, wie wohl die hungrigen Wölfe und Bären reagieren werden, wenn blinkendes Essen vorbeiläuft. Biologen vermuten, die Raubtiere könnten sich mit Mediation vom Gedanken an Leuchte-Beute ablenken. Falls aber von den schimmernden Huftieren am Morgen doch nur das Geweih übrig ist, wäre der Versuch gescheitert. Dann müssten auch Betrunkene fürchten, von Wirten abgeholt und abgefüllt zu werden, Steuerbetrüger, dass Passanten sie mit Respekt überhäufen, Geweihte, dass man ihr Licht auspustet und Exhibitionisten, dass eine Bordstein-Schwalbe sie entführt.

Andererseits braucht Deutschland ohnehin keine Leuchtpflicht, da jeder mit blau schimmerndem Gesicht durch die Nacht läuft. Diese stromsparenden Leuchtidioten (LID) sind für Entgegenkommende bestens sichtbar – es sei denn diese haben den Blick ebenfalls aufs Smartphone gesenkt.

Von Daniel Völpel