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Kategorie: Allgemeinheiten

Das Gleichnis vom Pferdeapfel-Skandal

In einer Zeit lange vor der unsrigen lebten in diesem Land zwei findige Pferdezüchter. Durch Versuche gelang es Gottlob Haflinger und Carlo Fuchs, Pferderassen so zu züchten, dass sie immer schneller, stolzer und widerstandsfähiger wurden und leicht zu vermehren waren. Immer mehr Menschen wollten einen Haflinger-Fuchs besitzen. Andere Züchter ahmten die Methoden nach und belieferten die Händler mit immer mehr Pferden: Besonders Schnelle für die Eiligen, besonders weiße für die Heiligen. Die Pferdemärkte zogen Volk von nah und fern an, die Welt-Pferdeausstellung zu Frankfurt am Main wurde selbst in Asien gerühmt. Die weniger Wohlhabenden kauften sich ein Volkspony, sodass bald jeder im Lande mit dem eigenen Pferde seiner Wege ritt. Über alle sieben Weltmeere wurden deutsche Pferde verschifft und verkauft.

Doch auf das Gloria folgte Wehklagen: Des Nachts konnte man in den Flecken und den Städten zwischen all den Reittieren kaum noch laufen. Das Gewieher brachte die Menschen um den Schlaf. Hitzköpfe verabredeten sich statt zum Duell zum verbotenen Rennen zu Pferde auf öffentlichem Grund. Des Öfteren wurden dabei Passanten zu Tode getrampelt. Hagestolze ritten ganze Sonntage über mit ihren glänzend gestriegelten Rössern die Chausseen auf und ab und ließen diese laut aufwiehern, um die Damen zu beeindrucken. Kinder konnten nicht mehr vor den Häusern spielen, weil sie sonst unter die Hufe geraten würden. Die Sanatorien quollen über von Invaliden, die Huftritte und andere Verletzungen durch die Reittiere auskurieren mussten. Nicht wenige davon waren am Kopf getroffen worden, erholten sich nie wieder und konnten fortan nicht einmal mehr ein Kreuz an der richtigen Stelle zeichnen.

Täglich standen die Reiter stundenlang Pferdeschnauze an Pferdehintern, nur weil ein Gaul an einer Engstelle nicht mehr traben wollte. Vor allem aber waren landauf, landab die Wege, Alleen und Pfade über und über bedeckt mit Pferdeäpfeln. Denn je mehr die Tiere leisten sollten, desto mehr mussten sie fressen und verdauen. Wer doch einmal zu Fuß ging watete knöcheltief im Mist. Deshalb ritten Jung und Alt, Mann und Frau, Arm und Reich, wann immer es möglich war, und sei es nur vom eigenen Gehöft zum Brunnen und zurück. Der Gestank in den Städten war kaum zu ertragen. Kinder mussten sich übergeben, die Alten schnappten tags wie nachts nach Luft und Riechsalz. Die Pferdeäpfel-Sammler kamen nicht mehr nach, die Exkremente aufzuklauben, weil ständig neue aus dem unablässigen Strom vorbeitrabender Pferde fielen. Die Menschen warfen den Mist auf die Felder, auf denen ihr Getreide wuchs, und in die Gärten, in denen sie ihre Beeren pflückten. Doch selbst als alles Obst und Gemüse nach Pferdeapfel schmeckte, wollte keiner vom eigenen Reittier lassen.

Die Fürsten und Könige erzählten Ihren Untertanen, es sei gut für alle, wenn die Pferdezüchter und deren Stallknechte weiterhin prächtig verdienten. Denn sie selbst und ihr Hofstaat bekamen von den Züchtern mehr als nur einen Golddukaten in die Schatulle gesteckt und wussten zudem, dass auf den Pferdehöfen immer ein warmes Plätzchen für sie freigehalten würde für den Fall, dass sie doch einmal abdanken müssten. Selbst als Untertanen gegen die Mistflut ihre Stimmen erhoben, beschwichtigten die Herrscher die Unzufriedenen, die Züchter seien doch selbst sehr zerknirscht über den Zustand, und eigentlich würden die Pferde doch nur saubere Äpfel fallen lassen, wenn man sie durch ein bisschen Übung dazu bringe, anders zu verdauen. Außerdem müsse man nun dringend von ausländischen Reitern einen Wegezoll kassieren und sich darum kümmern.

Die Ausrufer und Büttel liefen glockenschwingend durch die Straßen und priesen die Qualität deutscher Pferde, weil ihnen die Züchter den Wams bezahlten. Und so bemerkte es niemand, als in den Fürstentümern und Königreichen rings herum alle von Pferden auf Fahrräder umstiegen, die ein findiger Tüftler aus Neu-England und ein geschäftstüchtiger Chinese aus Canton anboten – weil diese leise waren, nicht stanken und keine Rückstände hinterließen. Bis das Land eines Tages in seinem eigenen Mist versank.

Von Daniel Völpel

Das Glück ist ein Keks, der fit hält

Wer beim Chinesen ein Glas Nudeln verdrückt, Rinderfilet nach Szechuan-Art verputzt oder eine Gong-Fu Suppe kalt macht, der bekommt zur Belohnung sein Glück zu fassen – in Form eines Glückskekses. Doch anders als bei der Vorspeise kommt hier nicht der Frühling aus der Teigrolle, sondern eine Aufforderung zur Vetternwirtschaft:

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Doch was meint der große Konfusius mit „von Intelligenz unterstützt“? Soll man sich nur intelligente Freunde suchen, um sich mit diesen einträgliche Geschäfte zuzuschieben? Oder funktioniert das mit dem Vermögen machen nur, wenn man selbst intelligent ist? Kann nicht sein, Stichwort Fußball- und Show-Millionäre… Oder sollte man die Freundschaft selbst so intelligent anlegen, dass acht Kostbarkeiten dabei herauskommen? Dann wäre der bestmögliche Freund doch ein China-Koch – wenn die glutamatreiche Kost nicht die schärfste Hühnerbrust ratzfatz in eine wenig-süße-und-stocksaure Ba-Bao-Ente verwandeln würde. Doch die Chinesen wären nicht die älteste Philosophie-Nation der Welt, wenn der Glückskeks nicht auch dazu einen Rat parat hätte:

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Das ist fernöstliche Weisheit zum Niederknien (am besten gleich 100x mit ausgestreckten Armen): Gilt dann auch der umgekehrte Satz, dass eine Unfit-Diät einen unfit machen würde? Warum rät einem ausgerechnet das Restaurant, das man gerade besucht, zu einer Diät? Durch die Lotusblume ein Hinweis auf die eigene Körperfülle?

Und stand nicht schon auf der Speisekarte „Gong Bao Kai Din“, das nicht nur im krassen Gegensatz zu westlicher Muskellogik á la Baumarkt („Mach‘ Dein Ding“) steht, sondern auch einen Lebensstil mit der leichten asiatischen Kost nach dem Motto „Wan-Tan-(„Wenn, dann-„)Suppe“ nahelegt? Sollte man sich glücklich schätzen, nun endlich auf die richtige Gemüseplatte gesetzt worden zu sein? Der nächste Keks verrät es:

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Damit wäre das endlich einmal bestätigt. Es wäre aber etwas philosophischer gegangen. „Das Leben ist wie eine gebackene Banane: Man weiß vorher, was am Ende übrig bleibt.“

Von Daniel Völpel, Fotos: Marius Völpel

Das Märchen vom Königreich der Geisterkutschen

Es war einmal ein wohlhabendes Königreich, in dem alle Bewohner mit Kutschen fuhren: Jung und Alt, Reich und Arm. Zwar waren die Kutschen unterschiedlich groß und nicht alle gleich prächtig verziert, eines aber war allen gemeinsam: Sie ratterten und machten einen furchtbaren Krach, der viele Menschen krank machte. Und sie stanken und wirbelten so viel Dreck in die Luft, dass Tausende Menschen daran erstickten.

Eines Tages vor langer Zeit kamen weise Handwerker aus dem Land der aufgehenden Sonne und boten Kutschen feil, die leiser fuhren und weniger Dreck machten – aber kaum jemand wollte sie haben. Denn die feisten Kutschenbauer aus dem Königreich riefen aus: „Kauft königlich, die Eindringlinge streuen Euch Sand in die Augen! Wir sind die besten, unsere Kutschen die zuverlässigsten, mit keiner kommen Ihr weiter – selbst wenn Ihr jeden Tag nur zweimal zum Kindergarten und zum Supermarkt müsst!“ Und so blieb es laut und dreckig und noch mehr Menschen starben.

Eines Tages vor einigen Jahren kamen Kutschenbauer aus den welschen Landen und priesen ihre Vehikel an: Leise und vollkommen sauber seien sie. Doch wieder riefen die privilegierten Herren Kutschenbauer: „Seht her! Jene Fuhrwerke sind schlecht gebaut und bleiben unterwegs stehen!“ Und schnell bauten sie in ihre Landauer, Cabriolets und Jagdwagen allerlei Zierat, Glöckchen und Windspiele ein, um den Lärm zu übertönen und die dreckigen Lüfte zu verwirbeln. Und so blieb es laut und schmutzig und noch mehr Menschen starben.

Wieder einige Zeit später kam ein Kutschenbauer aus der neuen Welt, der sagte: „Sehr her! Meine Kutsche ist komfortabler als alle anderen, agiler als alle anderen, sauberer und leiser als alle anderen und sie fährt nicht nur genauso weit, ich schenke Euch sogar noch mehr Reichweite mit kostenlosen Pferde-Wechselstationen!“ Doch die verbrecherischen Kutschenbauer des Königreiches hatten sich die Herolde, Büttel und Ausrufer leibeigen gemacht. Diese verkündeten allüberall: „Kauft nur die Kutschen aus teutschen Ländereien! Wir haben sie getestet und für die besten befunden!“ So blieb das Königreich laut und dreckig und weitere Menschen starben, bis einige grüne Wichte aus dem Umweltwald beschlossen, jeden Provinzfürsten vor die peinliche Halsgerichtsbarkeit zu zerren, der das Treiben duldete – auf das er gefoltert würde, bis er abdanke bei vollen Bezügen.

Nun erhoben sich die bislang schweigsame Königin der Rauten und ihr ergebener erster Minister, der Truchsess Klops, und luden alle Kutschenbauer des Königreiches vor: „Ihr sollt“, verkündeten sie, „fürderhin nur derer Kutschen verkaufen, die ein bisschen weniger Dreck machen und vielleicht ein bisschen leiser sind. Und jeden, der ein solches Fuhrwerk erwirbt, wollen wir vom Maientage an mit Gold und Geschmeide überhäufen, von welchem Ihr den Zweiten beizutragen habt!“

Da schlichen die Kutschenbauer bedrückt von dannen, denn sie wussten, dass sie lange brauchen würden, bis ihre Droschken so gut werden würden wie die der anderen. Die Herolde aber und die gekauften Büttel geiferten und schrien gegen ihre bisherigen Herren: „Gold und Geschmeide sind dem Volk gestohlen! Mägde und Tagelöhner müssen für die prunkvollen Kutschen des Geldadels bezahlen!“ Obwohl jene Reichtümer einst eingelagert worden waren, um Mensch und Umwelt Wohlgefallen zu bereiten.

Und so ward die Luft im Königreich von noch größerem Geratter erfüllt als je zuvor, und noch mehr Dreck senkte sich auf Seen und Wälder, in die Nasen der Kinder und die Lungen der Alten. Und kein Untertan konnte des Nachts mehr schlafen, und alle starben einen frühen Tod. Die bösen Kutschenbauer aber hatten vorgesorgt: Noch bevor dem letzten ihrer Gesellen der letzte Zug seines dieseligen Pesthauchs entfuhr, hatten sie eine Karosse erfunden, die ohne jeden Kutscher knatterte und qualmte ohne Unterlass. So entstand das Königreich der rasenden Geisterkutschen. Und wenn sie keiner anhält, dann fahren sie bis in alle Ewigkeit.

Von Daniel Völpel

Genschman vs. Sensenman: The Final Call

… jetzt nicht im Kino! Von Daniel Völpel

Das Parlament ist rund

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Je suis lâche

Der Anschlag auf Charlie Hebdo und die Folgen: Karikaturisten trauen sich immer weniger:   Von Daniel Völpel

Al-Baghdadi: „Wir haben gezeigt, was in uns steckt“

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Das war das Jahr 2015 – Teil 3: Weltgeschehen

1. Januar bis 6. Januar 2015: Neujahrsruhe 7. Januar bis 24. Januar 2015: Terroranschlag in Paris und alle sind Charlie. 25. Januar bis 23. März 2015: Griechenland und der Euro…