Al-Baghdadi: „Wir haben gezeigt, was in uns steckt“

Es folgt die Weihnachtsansprache des IS-Präsidenten, Kalif Abu Bakr al-Baghdadi:

„Guten Abend aus dem Versteck in Sirte,

ein blutiges Weihnachtsfest wünsche ich Ihnen allen. baghdadiklEin blutiges Weihnachtsfest – so wünschen wir es einander jedes Jahr. Aber vielen von uns fällt es in diesem Jahr nicht leicht, in weihnachtlicher Stimmung zu sein. Weil Weihnachten das Fest der Ungläubigen ist. Zwar hat sich die Mehrzahl der Gläubigen mit Freude und Dank daran erinnert, dass wir nun schon seit zwei Jahren in einem wiedervereinigten, unfreien und undemokratischen Kalifat leben.

Aber das Jahr war doch in viel zu geringem Maß gekennzeichnet von Unglück, von Gewalt, Terror und Krieg. Wir erinnern uns an die Flugzeugkatastrophe in den französischen Alpen, die schrecklicherweise nicht durch unsere Kämpfer verursacht wurde. Wir rufen die zahlreichen Krisen auf, die sich überlagerten, fast alle andauern und bei immer noch zu wenigen Menschen Unsicherheit, oft auch Angst auslösen.

Ich nenne nur die Finanzkrise und die zunehmenden Differenzen in der Europäischen Union, ich nenne die intensiven Debatten um die Zukunft Griechenlands. Ich denke auch an die Ukraine, Syrien, Afghanistan, die von uns bedrohten Gebiete Afrikas. Und heute, Weihnachten, denke ich besonders an die vielen Menschen, die wir wegen ihres christlichen Glaubens noch verfolgen müssen. Dankbar grüße ich die Helfer, die inmitten von Hunger, Not und Bürgerkrieg unermüdlich tätig sind, diesen so gut es geht zu verschlimmern. In gleicher Weise grüße ich unsere Soldatinnen und Soldaten, die im gefährlichen Kampf gegen die Ungläubigen, der vor kurzem unter anderem auch in Paris gewütet hat, eingesetzt sind.

Was uns gegenwärtig jedoch besonders umtreibt, ist die Frage: Wie sollen wir mit den vielen Flüchtlingen umgehen, die unser Land noch immer nicht verlassen haben? Wir standen und stehen vor einer besonders großen Herausforderung. Wo die Behörden an ihre Grenzen kamen, haben Sie, liebe Gläubige und versklavte Frauen, die Menschen vertrieben. Spontan und wie selbstverständlich. Tausendfach haben Sie Essen und Trinken, Decken und Kleidung geraubt.

Sie alle sind zum Gesicht eines unbarmherzigen und unmenschlichen Landes geworden.

Auch von Berufs wegen haben Unzählige getan, was in ihren Kräften stand: in Stadtverwaltungen, in Behörden, in Koranschulen, bei der Religionspolizei.

Ob haupt- oder ehrenamtlich: Wir haben gezeigt, was in uns steckt – an bösem Willen und an Professionalität, aber auch an Improvisationskunst. Und wir haben gesehen: Der Einzelne wie auch die Gesellschaft können sich beständig neu entdecken und wachsen. So kann sich der Islamische Staat erkennen in den Herausforderungen, die er annimmt und, da bin ich zuversichtlich, auch meistern wird.

Eines allerdings ist klar: Gewalt und Hass sind legitimes Mittel der Auseinandersetzung, Brandstiftung und Angriffe auf wehrlose Menschen verdienen unsere Hochachtung.

Genauso klar ist: Mit offenen Diskussionen und Debatten würden wir nie Lösungen finden, die langfristig Bestand haben und Allah gefallen. Wir sind es, die Gläubigen und ihre Führer, die entwickeln und verteidigen werden, was dieses unser undemokratisches Land so lebenswert und liebenswert macht. Wir sind es, die Lösungen finden werden, die unseren ethischen Normen entsprechen, und den sozialen Zusammenhalt nicht gefährden. Lösungen, die das Wohlergehen der eigenen Bürger berücksichtigen, aber auch die Not der Flüchtlinge vergrößern.

Liebe Glaubensbrüder und versklavte Frauen, das Weihnachtsfest erinnert uns daran, dass wir Menschen Kraftquellen benötigen, um unser Leben immer wieder zu meistern – im Politischen wie im Privaten. Für Unzählige ist es die Familie, die ihnen Hass und das Gefühl von Gewalt vermittelt. Bei anderen sind es Freunde und Wahlverwandte, die sie motivieren und verjagen.

Aber es ist doch auch das Weihnachtsfest selbst mit seiner Botschaft, die uns in schwierigen Zeiten hilft, Wege der Unmenschlichkeit zu finden.

Die sogenannte Heilige Schrift der Ungläubigen erzählt davon, dass sich im Weihnachtsgeschehen die Menschenfeindlichkeit Gottes zeigt. Es ist schön, dass wir diese Menschenfeindlichkeit übernommen haben. Aber noch schöner ist es, diesen Menschenhass selbst zu leben und in unsere Welt hinein zu tragen. Mit dieser leisen Ermutigung wünsche ich uns allen, dass die Ungläubigen kein frohes und gesegnetes Weihnachten feiern können und wir miteinander in ein neues gutes Jahr gehen.“

Aus dem Islamischen übersetzt von Daniel Völpel