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Vorwärts in die Vergangenheit

Montgolfière startet vom BER. Foto: Wikipedia

Erst Start-Freigabe für Flugtaxis, dann Tretroller fürs Trottoir, nun billigere Billets für die Eisenbahn. Andreas Scheuers Politik hat eine Richtung: Der für Verkehr zuständige Bundesminister setzt auf die Fortbewegung von gestern. Nun empfiehlt er, am Großflughafen Berlin-Brandenburg (BER) ein neues Terminal zu bauen – ausschließlich für Passagiere, die mit der Montgolfière verreisen. Den Städten erlaubt Scheuer ab 2021, Fahrspuren für Droschken und Ochsenkarren abzutrennen. Schließlich fahren die ohne fossile Brennstoffe. Außerdem werden Parkplätze speziell für Sänften ausgewiesen.

Auch Fußgänger will der CSU-Politiker entlasten: mit dem Scheuerstock, eine Art Holzstock. Mit dieser Krücke stützt man sich ab, wenn das Vorwärtskommen schwerfällt. Fußgänger können eine Umweltprämie als Zuschuss beantragen, wenn sie einen Scheuerstock kaufen. Wer beim Gehen auf Schuhe ganz verzichtet, spart damit Mikroplastik ein, das entsteht, wenn sich die Sohle abreibt. Deshalb können Barfußläufer bald Fersengeld in Höhe von 30 Cent pro Kilometer von der Steuer absetzen. Und wer sich gar nicht bewegt und damit auch weniger CO2 ausstößt, für den hat der Minster die „Scheuerleistung“ erfunden: Ein Umweltbonus von 100 Euro für jeden Monat ohne erkennbare Fort-Schritte.

Von Daniel Völpel

Versuch der Annäherung

Marktplatz, Straßencafé. Ein Paar um die 60 nimmt am Nebentisch Platz. Sie: Weinschorle, er: Radler. Schweigen. Er studiert minutenlang die Eiskarte.

Er liest schließlich deren Titel vor: „Lust auf Sünde!?“
Sie: „Was?“
Er: „Lust auf Sünde.“
Sie: „Ich hab verstanden ‚Lust auf Sylt‘.“
Schweigen.
Zu unterschiedlich sind offensichtlich die Erwartungen.

(dcv)

Dank Dieselkrise: Bootsflüchtlinge kehren um

Fluchtursache Fahrverbot

Nach Jahren des engagierten Nichtstuns und Zehntausenden ertrunkenen Schiffbrüchigen im Mittelmeer könnten nun ausgerechnet die Einschränkungen für Autofahrer in Deutschland dazu führen, dass das Sterben auf See ein Ende findet: „Als ich gehört habe, dass in Deutschland sogar Abgeordnete und Minister gegen die unmenschliche Barbarei der Fahrverbote für alte Diesel revoltieren, habe ich meine Mitpassagiere nicht lange überzeugen müssen, umzudrehen“, erzählte der 23-jährige Jaden aus dem Südsudan gestern nach der Rückkehr seines Schlauchboots im libyschen Zuwara. „Lieber verbrenne ich bis an mein Lebensende alte Fernseher auf einer Müllkippe in Malakal, um Kupfer zu sammeln, als dass ich mit einem zehn Jahre alten SUV in Stuttgart nicht mehr direkt vor dem Gant Store parken darf. “ Nach unoffiziellen Angaben kamen in Libyen alleine in den vergangenen fünf Tagen mindestens zehn Flüchtlingsboote vollbesetzt an, die zuvor von dort eigentlich in Richtung Europa abgefahren waren.

Tausende weitere der seit 2015 nach Deutschland geflüchteten Menschen planen ihren Aufbruch in die Heimat, weil sich durch Fahrverbote und nun auch noch drohende Tempolimits die humanitäre Lage in dem mitteleuropäischen Land rapide verschlechtert. „Wenn die Feinstaub- und Stickstoffdioxid-Werte noch weiter sinken, sterben wir hier alle an einem Sauerstoff-Schock“, erklärte der Syrer Adnan S., während er am Frankfurter Flughafen auf seine Maschine ins irakische Erbil wartete. Der 21-jährige Mohammed D. aus Marokko pflichtete ihm bei: „Jetzt kommen auch noch die Frauenparkplätze weg. Soll ich etwa Samstagnacht beim Antanzen erst einen riesigen, dunklen Parkplatz absuchen?“ Während Italien bereits seine Grenzkontrollen verstärkt hat, weil es einen Ansturm auf seine Häfen fürchtet, hat der ungarische Ministerpräsident Orban angekündigt, seinen Grenzzaun abreißen zu lassen. Jeder Flüchtling, der sich auf den Rückweg mache, könne sich frei bewegen und werde von der ungarischen Polizei verpflegt, ließ er mitteilen.

Den jungen Sudanesen Jadan hat das Schicksal der Deutschen so berührt, dass er nun in seiner Heimat Spenden sammeln will. „Ich habe mit zwei Freunden verabredet, dass wir die Aktion ‚Darfur für den Diesel!‘ ins Leben rufen. Die armen Menschen in der Krisenregion Stuttgart seien doch doppelt in der Zwickmühle, meint er: „Die Autohersteller zwingen sie, für Hungerlöhne von 5000 Euro und mehr im Monat Dreckschleudern zusammenzustecken, die sie als sauber verkaufen, damit die Ölscheichs als Aktionäre nicht murren.“ Und dann dürften sie mit eben diesen Autos nicht mehr zur Arbeit fahren, für die sie ein ganzes Drittel des Listenpreises zahlen mussten. Gleichzeitig nähmen ihre Chefs die ausgebeuteten Arbeiter auch noch als Geiseln, um der Politik mit Entlassungen zu drohen. „Da geben die Politiker natürlich nach, sie wollen ja ihren gutbezahlten Anschlussjob bei diesen Unternehmen nicht gefährden.“ Jaden ist bereits den Tränen nahe. „Ich dachte, im Südsudan ist das System krank, aber wir können immer noch aus Protest verhungern. Diese beklagenswerten Deutschen sind aber so dick, dass sie selbst in zwei Jahren noch nicht verhungert wären! Und ohne die Auto-Jobs wissen sie doch nicht mehr, wie sie den nächsten Sechs-Wochen-Trip nach Neuseeland und Singapur finanzieren sollen.“

Auch im libyschen Hamamah legten erste Boote mit enttäuschten Europaflüchtlingen an. „Deutschland war immer das Ziel unserer Träume. Da gibt es Escape-Room-Spiele, Nagelstudios und Masseure für Hunde“, berichtete der 19-jährige Sunny aus Pakistan einem Reporter. „Aber jetzt haben wir gehört, dass man dort bald bald nur höchstens 130 Stundenkilometer fahren darf. 130! Wenn ich von Faisalabad bis hierher nach Darna an den Hafen nur so langsam hätte reisen können, hätte ich ja mehr als vier Tage gebraucht! Jetzt fahre ich zurück und lasse es unterwegs richtig krachen.“ Ab Tempo 200 beginne für ihn auf den Pisten im Irak und Iran der Spaß erst so richtig, erzählt er mit leuchtenden Augen. Dass er als Christ in seiner Heimat dann wieder Bedrohungen und Übergriffen durch radikale Moslems ausgesetzt sein könnte, nimmt Sunny in Kauf: „Schlimmstenfalls werde ich gesteinigt. Aber das ist immer noch besser, als auf einer leeren, sechsspurigen Autobahn nach 300 Kilometern bei Tempo 130 an Langeweile zu sterben! Da hilft auch kein Massagesitz, kein Nackengebläse, kein Bord-Entertainment mit künstlicher Intelligenz, das Gespräche mit mir führt. Das ist Folter!“ Dass man stattdessen mit ICE-Hochgeschwindigkeitszügen reisen könnte, lässt der junge Pakistani nicht gelten: „Haben Sie mal versucht, mit einem deutschen Zug zu fahren? Da muss man innen in einem klimatisierten Wagen sitzen! Außen ist alles so glatt, dass man sich nicht festhalten kann!“

Von Daniel Völpel

Zu kurz gedacht VII

Ist die Emanzipation nun endlich vollständig verwirklicht, wenn sich halbwüchsige Mädchen innerhalb ihrer Clique nicht mehr mit „Alder“ anreden, sondern mit „Bro’“? (dcv)

Aus der Bildermachmaschine LXXVII

Jetzt übertreibt es Google aber mit der Werbung! Beschwerden an kapelle@gmail.com. Foto: M. Völpel

Zu kurz gedacht VI

Frei nach der Feuerzangenbowle: Wat is en moderne Dampfmaschin? En E-Smart mit zwei E-Zigarettenrauchern an Bord!  (dcv)

Aus der Bildermachmaschine LXXVI

Ach so war das: Die rechtschreiberlichen Qualitätsjournalisten stellten Bericht zu verfassen! Foto: Daniel Völpel

Bankster’s Paradise

„Großrazzia in Frankfurt gegen organisierte Kriminalität“, tönt es hoffnungsvoll aus den Radionachrichten zum 10. Jahrestag der Pleite von Lehman Brothers und dem Beginn der Bankenkrise, die deutsche Steuerzahler mindestens 68…

Literarisch verwurstet

Dass der Literatur-Nobelpreis 2018 wegen sexueller Belästigung und Korruption ausfalle, dachte man bislang. Doch nun ist die wahre Ursache bekannt: Er ist unwichtig geworden! Denn im November 2018 verleiht die…

Hitze macht frei

Hühner legen hartgekochte Eier, Kühe geben Milchpulver, Winzer ernten Rosinen: Deutschland erlebt den heißesten Sommer seit 2017! Eisverkäufer kippen reihenweise mit Burnout um, Seen mit Algen-Allergie. Christbäume machen sich splitternadelnackig,…